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"Poker Face" ist ein wahrer Lügendetektor


Krimifernsehen mit dem siebten Sinn für Bullshit: Die Retroserie "Poker Face" von"Knives Out"-Schöpfer Rian Johnson stellt Mordfälle und Sehgewohnheiten auf den Kopf.

"Poker Face": Menschlicher Bullshitdetektor: Natasha Lyonne in der Serie "Poker Face"
Menschlicher Bullshitdetektor: Natasha Lyonne in der Serie "Poker Face" © Phillip Caruso/​Peacock

Jeder Teppich, der länger als fünf Minuten irgendwo herumliegt, hat eine Geschichte zu erzählen. Der Teppich, auf dem die Peacock-Serie Poker Face (in Deutschland bei Sky zu sehen) beginnt, braucht sich diese Mühe aber gar nicht zu machen. Seine Geschichte erzählt sich von selbst, schon am Muster und den Farben erkennt man, dass er den Hotelflur eines maximal mittelklassigen Casinos bedeckt. Gerade noch Nevada, sicher nicht mehr Las Vegas Strip. Leicht kann man sich ausmalen, was hier schon alles heruntergefallen sein muss, was weggesaugt wurde oder sich festgetreten hat. Ein eröffnender Kameraschwenk über den Teppich reicht aus, und man hat das Personal für die ganze Serie vor Augen.

Gleich könnte der Würfelspiel-Choleriker aus Last Exit Reno um die Ecke kommen, mit dem Philip Seymour Hoffman in den Neunzigern erstmals größere Aufmerksamkeit erregte. Oder William H. Macy, der in The Cooler einige Jahre später dafür zuständig war, die Glückssträhnen allzu erfolgreicher Casinobesucher durch den Einsatz seiner knautschgesichtigen Aura zu beenden. Stattdessen aber trifft man auf Charlie Cale, eine Kellnerin und ehemalige Pokerspielerin, dargestellt von Natasha Lyonne, ebenfalls ausgestattet mit scheinbar übernatürlichen Fähigkeiten, die im Casinogeschäft besonderen Wert besitzen. Charlie ist ein menschlicher Bullshitdetektor. Sie erkennt sofort, wenn jemand lügt.

Am Pokertisch war die Frau mit dem kumpeligen Auftreten und der krümeligen Stimme dank dieses Talents erst sehr erfolgreich und dann nicht mehr erwünscht. Nun erhält sie eine zweite Chance: Der Casinoerbe Sterling Frost Jr. (Adrien Brody) verpflichtet Charlie, um besonders reiche Gäste auszunehmen. Heimlich soll sie vermeintlich private Pokerpartien überwachen und jene Spieler mit Tipps versorgen, die im Auftrag des Casinos teilnehmen. Ein Plan, bei dem man zwar nicht mehr das Personal, aber dafür den Plot einer ganzen Serie vor Augen hat. Doch Poker Face zieht auch dieser Idee den Teppich unter den Füßen weg.

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VIDEO: Lady Gaga - Poker Face (Lyrics)
7th Heaven

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Charlie erfährt vom Mord an einer Hotelputzkraft und entlarvt den Casinobesitzer Frost als Auftraggeber der Tat. Ihre Flucht vor dessen Problemlöser Cliff LeGrand (Benjamin Bratt) führt sie auf einen Roadtrip Richtung Ostküste, der sich nach einigem Gewurschtel als wahrer Gegenstand von Poker Face herausstellt. Jede Folge spielt an einem neuen Schauplatz und behandelt einen neuen Mordfall, den Charlie mithilfe ihrer Fähigkeiten aufdeckt. Wer das Verbrechen begangen hat, erfährt das Serienpublikum dabei meist nach wenigen Minuten. Die entscheidenden Poker-Face-Fragen lauten: Wer ist überhaupt tot? Warum wird Charlie auf ihrer Flucht in den Fall verwickelt? Und wie löst sie ihn?

Was also losgeht wie ein Prestige-TV-Drama aus der Glücksspielwelt, ist in Wahrheit eine Hommage an retroseliges Gewohnheitsfernsehen im Stil von Detektiv Rockford oder Mord ist ihr Hobby. Schöne Überraschung! Im Großen spiegelt diese Wendung, was alle Episoden von Poker Face auch im Kleinen auszeichnet: Immer wieder führt die Show ihr Publikum auf falsche und scheinbar falsche Fährten. Mal tappen arme Trottel in Mordfallen, die für andere Personen bestimmt waren. Mal gibt es zwei Mordversuche gleichzeitig, und einmal auch gibt es gar keinen Mord. Hätte der Serienschöpfer Rian Johnson einen Schnurrbart, würde er wohl immerzu genüsslich daran herumzwirbeln.

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Author: Thomas Lewis

Last Updated: 1703305804

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